Musikalische Zeitreise bis in den Konfetti-Regen

Ein Genuss für uns, unsere eigenen Veranstaltungen so detailliert beschrieben praktisch noch einmal selbst zu erleben. Wie beim Lesen heute in Kölnischer Rundschau und der Bergischen Landeszeitung. Chefredakteur Guido Wagner versteht sein Handwerk großartig… 

RHEIN-BERG
Musikalische Zeitreise
bis in den Konfettiregen 

Wolf Simon & Freunde: Auch Purple Schulz überrascht bei Intim-Konzert in Heidkamp

Von GUIDO WAGNER
HEIDKAMP. Lässig lehnt Purple Schulz am Tresen der mit Licht, Mobiliar und Accessoires in einen waschechten Club verwandelten „Alten Kirche“ von Heidkamp: „Wolf, ich fahr zum Mäckes, soll ich dir was mitbringen?“, ruft er dem Schlagzeuger und Bandleader Wolf Simon zu, der ihn gerade von der Bühne aus vorgestellt hat. Das Publikum schmunzelt: Fast wie bei einem Probenbesuch – familiär, authentisch, und alle sind hautnah dabei. „UNGER-UNS“ eben, wie Initiator Thomas Mersch die 2012 gestarteten außergewöhnlichen Konzerte getauft hat. Eric Claptons „Change the world“ passt prima in dieses Ambiente. Die Musiker sind allesamt gute Freunde, die zumeist bereits seit Jahren für Projekte immer wieder gemeinsam auf der Bühne stehen; an diesem Abend spielen sie, was sie geprägt hat. Songs von Kollegen und aus der eigenen Feder. Kurz: Ihre Lieblingsstücke.
„Es wird ein langer Abend, das kann ich euch sagen“, verspricht der Kölner Musiker Purple Schulz vor dem ersten Lied, das er sich ausgesucht hat: „Wetterprophet“ von Stephan Stoppok. Die Musiker haben dieselbe Wellenlänge – das ist sofort zu spüren: ein intensives Erlebnis auch für die Zuhörer. Purple Schulz stimmt ein Lied an, auf das ihn sein Vater gebracht habe: „Als er sich von uns verabschiedet hat – lange vor seinem Tod.“ Es geht um das langsame Vergessen der eigenen Vergangenheit, der eigenen Identität – Demenz. Auf der Leinwand über der Bühne ist ein Video zu sehen, das Schulz’ Sohn gedreht hat: Purple Schulz spielt darin seinen eigenen Vater. Nicht der einzige Gänsehaut-Moment an diesem Abend. Das Programm von Wolf Simon, Klaus Spangenberg (Gitarre), Marius Goldhammer (Bass), Christian Frentzen (Tasten), Purple Schulz und Sängerin Regy Clasen ist so vielseitig wie das Leben. Nicht nur im Duett mit Purple Schulz überzeugt die Soulsängerin und Songwriterin Clasen, auch ihre eigenen Songs wie „Und wenn das alles ist“ gehen unter die Haut, musikalisch wie textlich. Die gebürtige Hamburgerin erzählt davon, wie ihr die Songs von Seal in einer schwierigen Zeit Kraft gegeben haben, wie sie dem Briten nach einem Konzert ihr eigenes Album gegeben hat. „Kiss from a rose“ ist ihr Tribut an ihn.
Auch für Gitarrist Klaus Spangenberg, der aus Bergisch Gladbach stammt, ist der Auftritt in Heidkamp eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit: Er erinnere sich an einen „Flegel“, der damals fast aus dem Konfirmationsunterricht geflogen wäre. „Eben habe ich ihn wieder getroffen – auf einem Wahlplakat.“ Wolf Simon erzählt, wie er – damals noch Drummer von Klaus Lage – Purple Schulz in der Kantine der EMI Electrola kennenlernte. Jetzt singt der musikalische Weggefährte „She“ von Charles Aznavour – für seine Frau, die genauso im Publikum sitzt wie der Mann von Regy Clasen, der an diesem Tag Geburtstag hat. Zahlreiche Helfer und Unterstützer haben „UNGER-UNS“ längst zum Lebensgefühl gemacht: Am „Büdchen“ gibt’s dazu die passenden Accessoires, vom Schal bis zum Schlüsselanhänger. Die Künstler auf der Bühne schlüpfen voller Spielfreude in alle möglichen Rollen. Regy Clasen interpretiert Grönemeyers „Bleibt alles anders“ wie Michael Jacksons „BlackorWhite“. Und Purple  Schulz erscheint plötzlich mit Pappnase und Luftschlangen, überschüttet sich selbst mit Konfetti und singt  grinsend „Wegen dem Brauchtum“. Stilreich entsteht so ein dichtes Flechtwerk, das zu den Wurzeln der Musiker führt. Nicht umsonst gibt’s zum Schluss den Beatles-Song „Help“ – auch wenn die „Zugabe“-Rufe der Zuhörer die sechs da noch lange nicht von der Bühne lassen werden…

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FOTO-UNTERSCHRIFTEN IM ARTIKEL:

Überaschend anders: Purple Schulz im Konfettiregen (o.), die nicht wiederzuerkennende „AlteKirche“ (u.).

Im Duett: RegyClasen und Purple Schulz. (Fotos:Wagner)